Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet

Laetare - 22. 3. 2020, Manuskript einer Kurz-Predigt zu Jes 66, 10-14

Pfarrer André Demut, Gera

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde!
Lange hatten sich die Menschen in Jerusalem mit der Hoffnung auf die eigene Unantastbarkeit getröstet. Andere Länder waren erobert worden, von Feinden besiegt.
Anderen Menschen ging es schlecht – und wenn es damals schon Fernsehen gegeben hätte, hätte man auch in Jerusalem abends in der Tagesschau die Notleidenden in den anderen Ländern betrachtet. Doch hier bei uns ist Frieden und Sicherheit. Hier bei uns steht der Tempel des lebendigen Gottes – wer will uns etwas anhaben? Gott ist mit uns.

Wohl hatten die Propheten immer wieder gewarnt: Bildet euch nichts auf eure Frömmigkeit ein! Tröstet euch nicht mit eurer vermeintlichen Rechtschaffenheit! Wenn ihr beim Handel eure Geschäftspartner betrügt, wenn ihr eure Arbeitnehmer gnadenlos ausbeutet, wenn ihr rauschende Feste feiert während die Bettler vor euren Haustüren Hungers sterben – dann wird euch Gottes Zorn treffen.

Wir wissen, wie es solche einer spaßverderbenden Predigt ergeht: Sie fährt zum einen Ohr hinein – und zum anderen wieder heraus. Lasst die Propheten reden. Unglück mag andere treffen – uns wird es nicht berühren.

Lange hatten sich die Menschen in Jerusalem mit dem Gedanken der eigenen Unantastbarkeit getröstet. Dann waren die Babylonier gekommen, nach unserer Zeitrechnung im 6. Jahrhundert vor Christus. Jerusalem wurde belagert – mehrere Jahre lang kein Rein oder Raus. In der Stadt spielten sich unbeschreibliche Szenen ab. Am Anfang gab es noch Hamsterkäufe. Nach ein paar Monaten war nichts mehr da zum Hamstern. Hunger brach aus, Kannibalismus, Gewalt-Exzesse.

Schließlich überrannten die grausamen Babylonier die Befestigungsanlagen. Der Tempel wurde geplündert und niedergebrannt.Das Allerheiligste wurde geschändet und viele Israeliten wurden in fremde Länder verschleppt. 

Bis heute gedenken Juden weltweit am 9. Tag des jüdischen Monats Aw jenes Ur-Traumas der jüdischen Geschichte. Nach unserem Kalender fällt dieser Tag in den Sommer, in den Juli oder in den August.

In den Klageliedern des Propheten heißt es dazu: „Jerusalem weint, dass ihr die Tränen über die Backen laufen. Es ist niemand … da, der sie tröstet.“[1]

„An den Wassern von Babylon saßen wir und weinten, wenn wir an unsere zerstörte Heimat dachten.“[2] dichtet der Psalmsänger.

Dann verging ein Menschenleben, in Babylon und in Israel. Die Überlebenden bauten wieder Häuser, gründeten wieder Familien und Frauen schenkten Kindern das Leben. Die Quarantäne wurde aufgehoben, das Leben normalisierte sich wieder. Und die Propheten? Was verkündeten sie jetzt, in dieser neuen Zeit nach der Katastrophe? Vor der Katastrophe hatten sie - fast vergeblich - gegen eine zynische Unempfindlichkeit angepredigt. Vor der Katastrophe hatten sie eindringlich gewarnt – und waren mit all ihren Mahnungen krachend gescheitert an einer Mauer aus Sorglosigkeit und dem Gefühl der eigenen Unantastbarkeit. Leiden, krank werden und sterben tun doch immer nur die Anderen, die im Fernsehen, abends in der Tagesschau. 

Unser heutiger Predigttext stammt aus dieser Zeit nach der großen Katastrophe. So steht geschrieben im Buch des Propheten Jesaja im 66. Kapitel – ich bin sehr dankbar, dass wir dieses tröstliche Wort heute für uns hören können: 

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.
12 ……… Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.
13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
14 Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Liebe Gemeinde,
die Propheten der Bibel berühren uns genau da, wo wir es besonders nötig haben. Wenn sich jemand verrennt in der absurden Idee eigener Unantastbarkeit: Dann leuchten ihm Jesaja und Jeremia heim aus dieser verrückten Verstiegenheit. Und umgekehrt: Wenn jemand untröstlich ist, wenn sich jemand fürchtet vor dem, was kommen mag, wenn jemand überwältigt wird von Ohnmacht und Hilflosigkeit – dann malen die Propheten uns einen Gott vor Augen, der uns – dich und mich „tröstet, wie einen seine Mutter tröstet!“

Was für ein wunderbares Bild für Gott!!  Ein prophetisches Trostbild von einem Gott, ausgesprochen in einer Welt, die durch und durch patriarchalisch war.  Männer regierten und Gott war der „Herr“  – maximal noch „der Vater“ –  aber Gott als Mutter?!  mit Brüsten, die Tröstung und Nahrung bieten?!  Ein Gott, der uns auf den Armen trägt und auf den Knien liebkost wie einst die Mutter oder Großmutter, wenn sie „hoppe, hoppe, Reiter“ mit uns gespielt hat?!  Und in dem Moment war alles, alles gut?!  Was für ein wunderbares Bild, hineingesprochen in unsere Sehnsucht nach Trost in diesen Tagen.  Niemand von uns weiß, was noch kommen wird in den nächsten Wochen und Monaten.  In normalen Zeiten hat der Trost es schwer, nicht in süßlichen Kitsch abzugleiten.  Und auch in diesen Zeiten müssen wir uns hüten vor billigem Trost, vor banalem Gerede und vor religiös aufgeladenem Kitsch. Billiger Trost ist zynisch, weil wir alle ganz real an Leib und Leben und von den unabsehbaren wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie bedroht sind. Mit billigem Trost religiöses Kapital aus dieser Lage schlagen zu wollen, empfinde ich als erbärmlich und gefährlich. Billiger Trost ist zynisch – rechter Trost ist sehr kostbar. Rechter Trost entsteht jetzt überall dort, wo Menschen selbstlos sich für andere einsetzen:

  • - in der Nachbarschaftshilfe, beim Einkaufen für Andere, die das Haus nicht mehr verlassen können
  • - bei Arbeit bis zur Erschöpfung und darüber hinaus: in Krankenhäusern und auf Intensivstationen und in allen Einrichtungen, die wichtig sind für das Funktionieren unserer Gesellschaft, bei der Polizei und Feuerwehr, in Krisenstäben und Notfallteams
  • - bei Lehrerinnen und Lehrern, die jetzt eine Unmenge zusätzliche Arbeit schultern, um ihren Schülerinnen und Schülern auf digitalem Wege das Lernen zu ermöglichen
  • - bei allen, die jetzt aus dem Stand heraus sich etwas einfallen lassen, um die dramatische Veränderung unseres Alltages zu bewältigen und zu gestalten.

Wenn ich das und vieles mehr unter uns sehe, dann empfinde ich starken Trost. Oder mit Jesaja gesprochen: „Ihr werdet es sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.“

Wo verläuft die Grenze zwischen billigem und rechtem Trost? Ich glaube, diese Grenze liegt zwischen jener gepanzerten und verstiegenen Idee eigener Unantastbarkeit auf der einen Seite - und einer menschlichen, einer mütterlichen Berührbarkeit durch den Mitmenschen, durch seine Bedürfnisse, sein Leid auf der anderen Seite. Rechter Trost und recht bei Trost sein heißt gerade nicht Unantastbarkeit und zynische Unberührbarkeit – recht bei Trost sein und rechten Trost spenden geht überall dort, wo ich mich selbst berühren lassen vom Anderen.

Gott hat uns das vorgemacht. Seine Propheten zeichnen uns sein Wesen wie eine Mutter, die mit ihrem Kind „hoppe, hoppe, Reiter“ macht, weil es sonst von Angst und Schmerz überwältigt wird.  

Bleiben Sie behütet und getröstet und bleiben Sie behütet darin, auch wiederum andere Menschen zu trösten und ihnen in dieser schwierigen Zeit beizustehen.

Gottes Friede, der höher ist als unser aller Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

 


[1] Klagelieder 1, 2.

[2] Ps 137, 1.

 

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